Die Zunft und die Gilde

Von Kopf bis Fuß auf Zunft eingestellt….

…dies gilt nicht nur für die Bekleidung eines zünftigen Handwerkers. Nein, das Thema Zunft und Zunftkleidung ist sehr oft Gesprächsthema Nr 1. Ob auf dem Bau, privat, unter Kollegen oder auf der Walz. Über Zunft kann stundenlang diskutiert werden. Ein Thema das es in sich hat! Doch nicht jeder, der eine Zunfthose trägt, kennt die Geschichte die dahinter steht. Nicht, weil es ihn nicht interessiert, vielmehr fehlt heute das Wissen und teilweise wird dieses auch nicht weitergegeben. Der Unterrichtsstoff an Berufsschulen sieht mit Sicherheit andere Themen vor. Nichtsdestotrotz möchte ich einen kleinen Einblick auf dieser Seite verschaffen.


 

Im Mittelalter fanden Zünfte und Gilden ihre blütezeit

wormser fischerzunft

Das Siegel der Wormser Fischerzunft (Karpfen) mit den Buchstaben E.E.FZ.Z.W (Eine Ehrsame Fischer Zunft Zu Worms), 18. Jh. (Quelle: Stadtarchiv Worms, Füller 00187_2)

Eine Zunft war ein genossenschaftlicher Zusammenschluss von Handwerksmeistern. Im Mittelalter wurde die Zunft auch als Gaffel, Amt, Einung, Innung, Zeche und als Gilde bezeichnet. Heute wird der Zusammenschluss von Handwerksmeistern im Mittelalter als Zunft und der Zusammenschluss von Kaufleuten als Gilde benannt. Schon in der römischen Kaiserzeit existierten verschiedenste Vorläufer städtischer Zünfte, jedoch dienten diese in erster Linie der steuerlichen Erfassung ihrer Mitglieder. Der richtige Anfang der Zünfte begann im Hochmittelalter als zahlreiche Städte gegründet wurden und die vielen Handwerkszweige sich spezialisierten. Als erste urkundlich belegte Zunft im Jahr 1106 gilt die Wormser Fischer-Zunft.

DIE MACHT DER ZÜNFTE

In den Anfängen konnten die Zünfte keine Macht und Rechte ausüben, diese Privilegien waren dem städtischen Adel, als auch den Ministralien der Bischöfe, Klöster und dem Hochadel vorbehalten. Doch was lange wächst wird gut. Einige Zeit verging, bis sich Fernkaufleute gewisse Rechte und politischen Einfluss erkämpften. Während dieser Zeit waren Zünfte noch stark eingeschränkt und teilweise sogar verboten, denn ein Zusammenschluss oder eine „Verschwörung“ bedeutete in einer mittelalterlichen Stadt meist auch politische Einflussnahme.

Die Gründung einer Zunft in der mittelalterlichen Zeit war nicht selten als „Zunftrevolution“ anzusehen, die eventuell einen politischen Umschwung mit sich brachte. Innerhalb des römischen Reiches gelang es den gegründeten Zünften in bestimmten Städten sogar die politische Macht ganz oder teilweise zu erobern. Von Anfang an trugen die Zünfte am Alltag des Stadlebends bei, denn nicht selten war in den Zünften sehr viel Kapital vorhanden, doch das wichtigste: sie stellten die meisten Arbeiter einer Stadt auf und Arbeitskraft war in der damaligen Zeit das Maß der Dinge. Eine Menschenkraft konnte nicht durch eine Maschine ersetzt werden, denn es gab keine Maschinen. In den Freien Reichsstädten hatten einst sogenannte Zunftverfassungen ihre Gültigkeit, diese garantierten einer Zunft Dominanz unt Rat. Allerdings war den Zunftbürgern einer Stadt von vornherein Autonomie zugesprochen, um die Neugründung von Städten besonders für Handwerker und Händler attraktiv zu machen. Gegen die Macht der Meister innerhalb der Zünfte bildeten die Gesellen ab dem späten Mittelalter eigene Vereinigungen, die sogenannten Gesellenvereinigungen. Hauptziel war jedoch in einer Zunft aufgenommen zu werden um von den Vorteilen zu profitieren. Die Zünfte nahmen relegiöse, soziale, kulturelle und militärische Funktionen wahr. Schon früh wurden Ausbildungsregeln, Arbeitszeiten, Produktqualität und Preise von der jeweiligen Zunft aufgestellt und überwacht. Die Zünfte hatten ihren Sitz in Städten und grösseren Orten, oder auch wo ein bestimmtes Handwerk überwiegend ausgeübt wurde. Jede Zunft hatte ein sogenanntes Zunfthaus und regional auch Zunftstube, in welchen jährlich ein Treffen stattfand, das sogenannte Zunftmahl.

ZUNFTWERTIGKEITEN

Wie in fast allen Bereichen des mittelalterlichen Lebens war innerhalb der verschiedenen Zünfte das Ansehen ganz unterschiedlich. All diese Differenzierungen waren keine offiziellen Bezeichnungen, sie fanden vielmehr unter der Hand statt.

Ganz unten angefangen ging es um Arbeiten, für die kein großes Wissen von Nöten war. Arbeiten die man schnell erlernen konnte wie Wasserträger, Bierholer oder auch Restpostenhändler waren niedere Zünfte. Für diese Berufe waren keine Gesellen, Tagelöhner und Meister von Nöten – wodurch diese Zünfte recht wild und unorganisiert stattfanden. Hier galt nur ein Prinzip: Arbeite um zu Leben!

Normale Zünfte waren jene, die sehr gut organisiert waren. In ihr waren Lehrlinge, Tagearbeiter, Gesellen und Meister beschäftigt. Es gab teilweise die Möglichkeit einer Beratung im Zunftzimmer (Zunfthaus) vom Zunftmeister. Diese Zünfte besaßen ein Zunftsiegel und jeder Meister innerhalb dieser Zunft nochmal das eigene Siegel. Typische Berufe dieser Zünfte waren der damals weit verbreitete Beruf des Steinmetzes, Schmiedes und auch des Zimmermanns.

Die Edelzünfte waren entweder die, deren Produkte sehr gefragt waren und aus diesem Grund sehr hochpreisig vermarktet werden konnten, oder dessen Zunft ein ausgesprochen hohes Ansehen hatte.

ZUNFTKODEX (DAS SCHLITZOHR)

Für alle Mitglieder einer Zunft galt ein Ehrenkodex. Wurde durch ein Mitglied gegen den Kodex verstoßen, so war dies unzünftig. Die Folge war nicht selten der Ausschluss aus der jeweiligen Zunft. Doch nicht nur der Ausschluss wurde bekundet, auch sollte der Unzünftige für jeden erkennbar sein. Zunftschmuck in Form eines Ohrrings gehörte damals zur Zunfttracht. Der Ohrring selbst diente als Engelt für den Bestatter. Der Ohrring wurde nicht selten beim Verstoß gegen den Kodex aus dem Ohrläppchen gerissen. Das überall bekannte Schlitzohr kommt aus der Zunft und wurde sprichwörtlich zur Bezeichnung für listige und durchtriebene Menschen.

DIE ZUNFTAUFGABEN

Die drei Hauptaufgaben die eine Zunft zu erfüllen hatte, hatten lange Bestand und sicherten Wohlstand und Leben.

  • Der gegenseitige zivile Schutz für die Rohstofflieferung, Schutz der Märkte und im Kriegszustand wurden durch die Zünfte ausgebildete und waffenkundige Handwerker für die Gewährleistung der Stadtsicherung eingesetzt. Und genau dies war ein erheblicher Teil der Bevölkerrung, denn nicht selten waren bis zu 50% der gesamten Stadtbevölkerung in den Zünften tätig. Für diesen Zweck wurden regelmäßig Waffenübungen durchgeführt.
  • Die Ausbildung wurde durch die Zunft organisiert.
  • Was heute marktfremd und verboten ist, wurde damals durch die Zunft angeordnet. So wurden durch die Zunft nicht nur die Qualität bestimmt und Angebote reguliert, nein es wurden sogar Mengen reguliert, Preisabsprachen durchgeführt und Qualitätsstandards festgelegt.

Doch auch im damaligen sozialen Netzwerk übernahm die Zunft eine entscheidende Rolle. So verstanden Zünfte sich auch als kirchliche Bruderschaften, errichteten Messstiftungen und wirkten, nur für ihre Mitglieder, kirchlich-karikativ bei: Witwenfällen,und Arbeitsunfällen.

Zur Ausbildung muss noch folgendes erklärt werden. Das Handwerk war als erste Organisation nach der Kirche dazu befähigt zu unterrichten. Das Wissen rund um den zukünftigen Beruf wurde den damaligen Lehrlingen schon im frühen Alter von meist 7 Jahren vermittelt. Eine Lehre dauerte damals im Schnitt 7 Jahre und varrierte von 4 bis zu 12 Jahren. Danach war man aber ertstmal ein Tagearbeiter und mussten in Folge von Stadt zu Stadt reisen um bei den Meistern der Zünfte weiter zu lernen. Die frühe Form der Walz hatte hier ihren Ursprung.

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DIE ZUNFT IN UNSERER ZEIT

Die Zünfte in damaliger Form existieren in Deutschland seit der Einführung der Gewerbefreiheit (19 Jahrhundert) nicht mehr, viel mehr wurden sie abgeschafft. Moderne Nachfolger der Zunft sind die heute organisierten Handwerkerinnungen. Aber sie existieren noch mancherorts als Handwerkervereinigungen. Die zünftigen Lehrlinge, Gesellen und Handwerksmeister tragen in einigen alten Berufen noch mit Stolz die Zunftkleidung. Auch wird die Walz/Tippelei (die Zeit der Wanderschaft zünftiger Gesellen nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit bzw. nach ihrer Freisprechung) traditionell weiter gepflegt. Sie war seit dem Spätmittelalter, bis zur beginnenden Industrialisierung, eine absolute Voraussetzung für die Zulassung zur Meisterprüfung.

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